
Wissenschaftliches Programm 2011
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Bewegung tut not, von der Windel bis zum Tod.
Prof. Dr. med. H.-J. Pesch am 03.12.2005
Nach einer international weithin akzeptierten Definition handelt es sich bei der primären Osteoporose um eine systemische Skeletterkrankung, bei der durch den Verlust an Knochenmasse die Stabilität der verbliebenen Spongiosa so vermindert wird, daß sog. Bagatellunfälle/-stürze zur Fraktur führen können. Dieses Phänomen wird postmenopausal oder bei beiden Geschlechtern im höheren Lebensalter beobachtet.
Unter funktionellen Gesichtspunkten ist es jedoch wenig wahrscheinlich, daß die Knochenmasse altersabhängig in allen Skelettabschnitten gleichmäßig abnimmt. Dagegen spricht auch die radiologisch-klinische Erfahrung: So besteht eine deutlich erhöhte Frakturbereitschaft im Bereich des Schenkelhalses und der LWK, während eine Osteoporose der HWS eher ungewöhnlich ist. Osteodensitometrische Untersuchungen erfolgen deshalb sinnvollerweise an Schenkelhals und LWK, aber nicht an der technisch leichter zugänglichen HWS.
Postmortal lassen sich quantitative Strukturanalysen an Röntgenbildern 100 µm dicker Großflächenschnitte reproduzierbar durchführen, wobei als morphometrisch wichtigster Parameter die volumetrische Dichte (Vv) bestimmt werden kann. Sie entspricht dem Verhältnis von Spongiosa-Eigenvolumen zum Knochen-Gesamtvolumen in % und ist deshalb unabhängig von der Größe des Knochens.
Untersucht wurden bei über 100 Verstorbenen beiderlei Geschlechts im Alter von 18-93 Jahren nach Ausschluß klinisch manifester Knochenerkrankungen die Spongiosa von Os occipitale, 5. HWK, 5. LWK, Femurhals und Calcaneus, wobei die statistische Auswertung keine signifikante Abhängigkeit vom Geschlecht ergab.
Die Vv der untersuchten Knochen ist bereits in der Altersklasse bis 29 Jahre verschieden: Die Kalotte hat mit 65 % die weitaus größte Spongiosa-Masse, während die Vv-Werte von 5. HWK 33,5, 5. LWK 24,4, Schenkelhals 27,8 und Calcaneus
26,6% betragen.
Die Spongiosa-Masse der Kalotte verändert sich während des Lebens nicht. Die Vv vom 5. HWK nimmt um 9%, vom 5.LWK dagegen um 40% ab. Der Schenkelhals verliert schon vor dem 50. Lebensjahr ein Fünftel und in den folgenden Jahren nochmals mehr als ein Fünftel seiner Spongiosa-Masse, während der Calcaneus insgesamt nur um 16% seines Ausgangswertes reduziert wird.
Die unterschiedliche volumetrische Dichte und damit die individuelle Spongiosastruktur der einzelnen Knochen entsprechen der unterschiedlichen Größe und Art der Beanspruchung, die ganz offensichtlich schon in der Jugend unterschiedlich sind und mit zunehmendem Alter sich auch unterschiedlich verhalten. Obwohl die Wirbelsäule anatomisch als Einheit beschrieben wird, bestehen zwischen den einzelnen Abschnitten erhebliche morphologisch-funktionelle Unterschiede: So wird die HWS durch Ventral-Dorsalflexion und Seitwärtsneigung vorwiegend dynamisch beansprucht, die LWS durch axiale Druckkräfte vorwiegend statisch belastet.
Aufgrund der altersbedingten Reduktion des Bewegungsumfanges und der körperlichen Aktivität resultiert in der vorwiegend statisch beanspruchten LWS insgesamt nur ein geringer Erhaltungsreiz, während die auch im Alter weitgehend konstante, der Orientierung im Raum dienende, dynamische Beanspruchung der HWS als starker Erhaltungsreiz für die Spongiosabälkchen wirkt, eine Situation, die noch mehr für das Os occipitale zutrifft, das als Ansatz der Nackenmuskulatur den vorderlastig (nicht im Schwerpunkt) gelagerten Kopf lebenslang (tagsüber) im Gleichgewicht halten muß. Beim Femurhals führen die entwicklungsabhängige Abflachung des CCD-Winkels um ca. 25° mit der Umstellung von einer primären Druckbeanspruchung auf eine Biegebelastung und die alternsassoziierte Reduktion der körperlichen Tätigkeit zum Spongiosaabbau.
Unter funktionellen Gesichtspunkten ist damit die lokalisierte Osteoporose Ausdruck eines der körperlichen Aktivität angepassten Altersknochen, der - ebenso wie der Knochen des nicht-alten Erwachsenen - lediglich Spiegelbild der aktuellen Beanspruchung durch den Bewegungsapparat ist. An-, Ab- und Umbau der Knochen stellen somit einen physiologisch-adaptiven Vorgang dar, der nur die funktionelle Einheit von Knochen und Skelettmuskulatur dokumentiert.
Prävention dieser Osteoporose bedeutet deshalb Aufbau einer möglichst großen Knochenmasse, die physiologischerweise im wachsenden Skelett, also in der Kindheit und Jugend durch körperliche Aktivität und knochengesunde Ernährung erreicht wird. Diese Parameter gelten naturgemäß sowohl zur Vermeidung der postmenopausalen als auch senilen Osteoporose, bei denen nur die Knochenregionen klinisch durch Fraktur auffällig werden, die zuvor Jahre- oder Jahrzehntelang funktionell unter-beansprucht wurden.
| Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Pesch | MedReport, 29,5 (2005) 9 |
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